Das Notizbuch
Carrom ist ein quadratisches Brett mit vier Ecktaschen, neunzehn Scheiben und einem Finger. Man schnippt einen Spielstein — den *Striker* — gegen die eigenen Steine und versucht, sie zu versenken. Erklärt ist das in einer halben Minute.
Das offizielle Regelwerk hat trotzdem rund hundert Artikel. Und der erstaunlichste Teil davon handelt gar nicht vom Spiel, sondern von Ihren Möbeln.
In den Laws of Carrom der Internationalen Carrom-Föderation steht wörtlich:
Das wirkt nach Bürokratie. Es ist das Gegenteil davon.
Die zentrale Spielregel lautet: Der Striker wird geschlagen, nicht geschoben. Und «Schieben» ist im Regelwerk nicht über den Finger definiert, sondern über den Ellenbogen — gemeint ist ein Ruck aus dem Ellenbogen statt eines Schnippers mit der Fingerkuppe.
Daraus folgen die Körperregeln:
Und jetzt ergibt die Möbelvorschrift Sinn: Sitzen Sie zu tief oder liegt das Brett zu hoch, wandert der Ellenbogen zwangsläufig nach oben und nach innen. Der regelkonforme Schlag wird dann körperlich unmöglich. Das Regelwerk vermisst keine Möbel — es schützt die Geometrie des Schlags.
Für zu Hause heißt das konkret: Ein normaler Esstisch mit 74 cm ist bereits zu hoch. Wer ernsthaft spielt, legt das Brett tiefer.
Ein vollständiges Set besteht aus 9 weißen, 9 schwarzen Steinen und einer roten Dame — neunzehn Stück, den Striker nicht mitgezählt. Die Toleranzen sind eng:
Die Turnier-Spielfläche misst rund 74 × 74 cm. Diese Zahl stammt allerdings aus den Brett-Spezifikationen der Verbände, nicht aus dem Text der Spielregeln — dort steht sie nicht. Wohnzimmerbretter gibt es in allen Größen, oft mit größeren Taschen, damit Anfänger überhaupt etwas versenken.
Wer ein Carrom Board kauft, sollte deshalb auf zwei Dinge achten, die im Datenblatt selten stehen: ob die Taschen Turniergröße haben oder Anfängergröße, und worauf das Brett stehen soll. Ohne passenden Ständer ist das beste Brett zu hoch.
Ein Carrom-Brett ohne Puder gleitet nicht, und das Spiel funktioniert schlicht nicht. Üblich ist feinkörnige Borsäure.
Das Regelwerk verlangt zweierlei: Das Puder muss die Fläche glatt und trocken halten — feuchtes Puder ist unzulässig — und es wird mit einem Beutel gleichmäßig verteilt, nicht in Häufchen gekippt. Während der laufenden Partie darf nur nachpudern, wer den Anstoß hat.
Die rote Dame liegt zu Beginn in der Mitte und bringt 3 Punkte. Aber nur unter Bedingungen, die kaum eine Kurzanleitung nennt:
Alle Maße und Regeln oben stammen aus den Laws of Carrom der International Carrom Federation (ICF) und aus der von der European Carrom Confederation verabschiedeten Fassung für Partien ohne Schiedsrichter. Beides sind die Originaldokumente, keine Zusammenfassungen.
Wer mitspielen will: In Europa ist die französische Föderation seit 1998 eine der aktivsten und führt Turnierkalender und Vereinsliste.
Weil es unser Thema ist: Tischspiele, die man für ungefähr hält und die in Wahrheit bis auf den Millimeter geregelt sind. Genauso ist es beim Tipp-Kick, beim Tischkicker und bei den Fußball-Brettspielen.
Am weitesten treibt es das Krocket: Dort passt die Kugel mit weniger als einem Millimeter Luft durch das Tor — und im meistgespielten Krocket fehlt ausgerechnet der Krockierschlag.
Und es ist dieselbe Fertigkeit: einen Winkel anvisieren und einen Schnipser dosieren. Toy Soccer Cup ist genau das, als Fußball — kostenlos im Browser.