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Carrom: Das Regelwerk schreibt sogar die Höhe Ihres Stuhls vor

Carrom ist ein quadratisches Brett mit vier Ecktaschen, neunzehn Scheiben und einem Finger. Man schnippt einen Spielstein — den *Striker* — gegen die eigenen Steine und versucht, sie zu versenken. Erklärt ist das in einer halben Minute.

Das offizielle Regelwerk hat trotzdem rund hundert Artikel. Und der erstaunlichste Teil davon handelt gar nicht vom Spiel, sondern von Ihren Möbeln.

⭐ Das Regelwerk misst Tisch, Stuhl und Glühbirne

In den Laws of Carrom der Internationalen Carrom-Föderation steht wörtlich:

  • Der Tisch oder Ständer, auf dem das Brett liegt, muss zwischen 63 und 70 cm hoch sein — und das Brett darf darauf nicht wackeln.
  • Der Stuhl oder Hocker muss zwischen 40 und 50 cm hoch sein. Und falls es ein Stuhl ist: ohne Armlehnen.
  • Die Glühbirne über dem Brett soll 60 bis 100 Watt haben, der Schirm innen schneeweiß sein, und das Licht darf nur auf das Brett fallen, nicht in die Augen.

Das wirkt nach Bürokratie. Es ist das Gegenteil davon.

Carrom-Brett auf einem Ständer, mit Steinen und roter Dame in der Mitte

Warum die Höhe über den Schlag entscheidet

Die zentrale Spielregel lautet: Der Striker wird geschlagen, nicht geschoben. Und «Schieben» ist im Regelwerk nicht über den Finger definiert, sondern über den Ellenbogen — gemeint ist ein Ruck aus dem Ellenbogen statt eines Schnippers mit der Fingerkuppe.

Daraus folgen die Körperregeln:

  • Der Ellenbogen darf die Spielfläche nicht betreten und nicht über die gedachten Verlängerungen der Pfeile hinausragen.
  • Die Hand darf den Pfeil überqueren — sie ist das einzige Körperteil, das das darf.
  • Die Hand darf beim Schlag auf der Spielfläche aufliegen. Ein Stützfinger ist erlaubt.
  • Der Daumen ist erlaubt. Das sogenannte *Thumbing* halten viele für verboten; die Föderation lässt es ausdrücklich zu.

Und jetzt ergibt die Möbelvorschrift Sinn: Sitzen Sie zu tief oder liegt das Brett zu hoch, wandert der Ellenbogen zwangsläufig nach oben und nach innen. Der regelkonforme Schlag wird dann körperlich unmöglich. Das Regelwerk vermisst keine Möbel — es schützt die Geometrie des Schlags.

Für zu Hause heißt das konkret: Ein normaler Esstisch mit 74 cm ist bereits zu hoch. Wer ernsthaft spielt, legt das Brett tiefer.

Das Brett und die neunzehn Steine

Ein vollständiges Set besteht aus 9 weißen, 9 schwarzen Steinen und einer roten Dame — neunzehn Stück, den Striker nicht mitgezählt. Die Toleranzen sind eng:

  • Stein: Durchmesser 3,02 bis 3,18 cm, Dicke 0,70 bis 0,90 cm, Gewicht 5,25 bis 5,50 g, Kante rund und glatt.
  • Striker: Durchmesser höchstens 4,13 cm, Gewicht höchstens 15 g. Elfenbein und Metall sind verboten — ein Striker mit sichtbarem Metall wird nicht zugelassen.
  • Taschen: Jede muss von unten mit einem Netz geschlossen sein, das mindestens 10 Steine trägt.

Die Turnier-Spielfläche misst rund 74 × 74 cm. Diese Zahl stammt allerdings aus den Brett-Spezifikationen der Verbände, nicht aus dem Text der Spielregeln — dort steht sie nicht. Wohnzimmerbretter gibt es in allen Größen, oft mit größeren Taschen, damit Anfänger überhaupt etwas versenken.

Wer ein Carrom Board kauft, sollte deshalb auf zwei Dinge achten, die im Datenblatt selten stehen: ob die Taschen Turniergröße haben oder Anfängergröße, und worauf das Brett stehen soll. Ohne passenden Ständer ist das beste Brett zu hoch.

Ohne Puder läuft nichts

Ein Carrom-Brett ohne Puder gleitet nicht, und das Spiel funktioniert schlicht nicht. Üblich ist feinkörnige Borsäure.

Das Regelwerk verlangt zweierlei: Das Puder muss die Fläche glatt und trocken halten — feuchtes Puder ist unzulässig — und es wird mit einem Beutel gleichmäßig verteilt, nicht in Häufchen gekippt. Während der laufenden Partie darf nur nachpudern, wer den Anstoß hat.

Die Dame: drei Punkte auf Bewährung

Die rote Dame liegt zu Beginn in der Mitte und bringt 3 Punkte. Aber nur unter Bedingungen, die kaum eine Kurzanleitung nennt:

  • Die Punkte bekommt nur, wer das Brett gewinnt. Wer verliert, bekommt für die Dame nichts — auch dann nicht, wenn er sie versenkt und gedeckt hat.
  • Ab 22 Punkten Spielstand bringt die Dame die 3 Punkte nicht mehr.
  • Decken ist Pflicht: Nach der Dame muss im selben oder unmittelbar folgenden Stoß ein eigener Stein fallen. Sonst kommt sie zurück in die Mitte.
  • Wer die Dame versenkt, bevor ein eigener Stein gefallen ist, verliert den Zug, und die Dame kommt zurück.
  • ⚠️ Wer seinen letzten Stein versenkt, während die Dame noch liegt, verliert das Brett mit 3 Punkten. Schneller sein reicht nicht — die Reihenfolge zählt.

Eine Partie von Anfang bis Ende

  • Ausgelost wird durch Raten der Steinfarbe in der geschlossenen Hand. Wer gewinnt, wählt Seite oder Anstoß.
  • Wer anstößt, spielt Weiß, der Gegner Schwarz, die Dame gehört beiden.
  • Wer trifft, bleibt dran. Theoretisch kann eine Partie enden, ohne dass der Gegner je am Zug war.
  • Den Striker zu versenken kostet: Ein eigener Stein kommt zurück aufs Brett (das *Due*), und der Zug ist weg.
  • Pro Stoß 15 Sekunden, ab dem Moment, in dem alle Steine liegen.
  • Punkte: je verbliebener gegnerischer Stein 1 Punkt, plus 3 für die Dame. Maximal 12 Punkte pro Brett.
  • Die Partie geht über 25 Punkte, 8 Bretter oder 50 + 7 Minuten — was zuerst eintritt.

Quellen

Alle Maße und Regeln oben stammen aus den Laws of Carrom der International Carrom Federation (ICF) und aus der von der European Carrom Confederation verabschiedeten Fassung für Partien ohne Schiedsrichter. Beides sind die Originaldokumente, keine Zusammenfassungen.

Wer mitspielen will: In Europa ist die französische Föderation seit 1998 eine der aktivsten und führt Turnierkalender und Vereinsliste.

Warum wir darüber schreiben

Weil es unser Thema ist: Tischspiele, die man für ungefähr hält und die in Wahrheit bis auf den Millimeter geregelt sind. Genauso ist es beim Tipp-Kick, beim Tischkicker und bei den Fußball-Brettspielen.

Am weitesten treibt es das Krocket: Dort passt die Kugel mit weniger als einem Millimeter Luft durch das Tor — und im meistgespielten Krocket fehlt ausgerechnet der Krockierschlag.

Und es ist dieselbe Fertigkeit: einen Winkel anvisieren und einen Schnipser dosieren. Toy Soccer Cup ist genau das, als Fußball — kostenlos im Browser.

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Miguel Ángel Villar Alarcón
Ich habe Toy Soccer Cup allein gebaut — die Physik, die 57 Ligen, die 858 Vereine — und ich schreibe dieses Notizbuch: 96 Artikel in 8 Sprachen. Jede historische Angabe prüfe ich an der Quelle, und wenn die Quellen sich widersprechen, sage ich es. Korrekturen willkommen.