Das Notizbuch
Wer nach den TIPP-KICK Regeln sucht, findet meistens ein PDF und eine Liste. Was fehlt, ist die eine Erklarung, die alles zusammenhalt: warum der Ball zwei Farben hat. Denn genau daran hangt die gesamte Mechanik des Spiels — und genau das unterscheidet TIPP-KICK von jedem anderen Tischfussballspiel der Welt.
Dieser Artikel erklart beides: die einfachen Regeln fur den Wohnzimmertisch und die offiziellen Turnierregeln des DTKV. Denn es gibt tatsachlich zwei offizielle Regelwerke, und sie sind nicht identisch.
Vor dem Anpfiff wahlt jeder Spieler eine Farbe — Weiss oder Schwarz. Danach entscheidet der Ball selbst, wer am Zug ist. Man schaut von oben auf den Ball: sieht man mehr Weiss, spielt der Weiss-Spieler. Sieht man mehr Schwarz, spielt der andere.
Das klingt nach einem Gag und ist in Wahrheit ein geniales Stuck Spieldesign. Der Ball ist ein Kuboktaeder: zwolfeckig, mit 14 Flachen (sechs Quadrate und acht gleichseitige Dreiecke), zur Halfte weiss und zur Halfte schwarz. Er wechselt den Besitz also nicht nach einer Regel, die jemand durchsetzen muss, sondern nach der Physik seiner eigenen Landung. Niemand muss zahlen, niemand muss streiten: der Ball ist der Schiedsrichter.
In den Turnierregeln steht es unmissverstandlich: gespielt werden darf nur, wenn die eigene Farbe oben liegt. Die einzige Ausnahme ist der Torwart — er darf den Ball auch dann bewegen, wenn die gegnerische Farbe oben ist. Und noch ein Detail, das viele nicht kennen: den Anstoss hat immer der Spieler, der mit Weiss spielt. In der Halbzeit werden Seiten *und* Farben getauscht.
Beide Regelwerke sind sich hier einig: ein Spiel dauert zweimal funf Minuten. Das Fabrikregelwerk erlaubt ausdrucklich, die Spieldauer frei zu vereinbaren — zu Hause darf also gespielt werden, solange es Spass macht.
Im Turnier ist es strenger. Eine Verlangerung besteht aus zweimal zwei Minuten, und es wird weder in der regularen Spielzeit noch in der Verlangerung eine Halbzeitpause eingelegt. Dazu kommen zwei Uhren, die den Rhythmus vorgeben: sieben Sekunden, um den Ball zu spielen, und drei Sekunden, um den Abwehrkicker zu stellen.
Die Figur wird nie mit dem Finger geschoben. Man drückt den Knopf uber dem Kopf, und die mechanische Schussbein bewegt sich. Das ist der zweite grosse Unterschied zum Subbuteo, wo die Figur selbst mit dem Fingernagel angestossen wird.
Die Masse aus dem DTKV-Regelwerk, falls du dein Material prufen willst:
Ein Unterschied zwischen den beiden Regelwerken, der oft fur Verwirrung sorgt: das Fabrikregelwerk spricht von drei verschiedenen Kickern, die je nach Spielsituation eingesetzt werden — das DTKV-Turnierregelwerk erlaubt bis zu funf zur Auswahl (aber immer nur einen auf dem Feld).
Der Torwart ist die einzige Figur, die den Ball schieben und ihn auf die eigene Farbe drehen darf. Das ist eine enorme Macht, und deshalb ist sie eng eingezaunt. Verboten sind: den Torwart offensichtlich nach vorne zu neigen, ihn auf den Kopf zu stellen, die Figur mit der Hand zu beruhren und mit der Hand unter das Torgummi zu greifen.
Beim Elfmeter muss der Torwart senkrecht auf der Torlinie stehen und darf sich vor dem Schuss nicht bewegen. Tut er es doch und es fallt kein Tor, wird wiederholt.
Die Standardsituationen, kurz und praktisch:
Eine Turnierregel, die das Spiel deutlich schneller macht als das Wohnzimmerspiel: spatestens mit der zweiten Ballberuhrung muss aufs Tor geschossen werden (oder der Gegner beziehungsweise das Tor beruhrt werden). Sonst gibt es indirekten Freistoss. Kein Herumschieben, kein Zeitspiel.
Der DTKV veroffentlicht beide nebeneinander, und die ehrliche Antwort lautet: das kommt darauf an, gegen wen du spielst.
Die Fabrikregeln von Edwin Mieg passen auf eine Seite. Sie reichen vollkommen, wenn zwei Menschen an einem Tisch sitzen und niemand einen Schiedsrichter braucht. Die DTKV-Turnierregeln haben rund siebzehn Seiten und regeln zusatzlich die Geometrie der Turnierplatte, Materialtoleranzen in Millimetern, die Rolle des Schiedsrichters, Sanktionen — und zu fast jeder Regel einen Kommentar mit Beispielfallen fur Streitfalle.
Anders gesagt: die langen Regeln existieren nicht, um das Spiel komplizierter zu machen. Sie existieren, damit zwei Fremde fair gegeneinander spielen konnen. Zu Hause kennst du deinen Gegner — da reicht die eine Seite.
Die Ursprungspatente gehen auf Carl Mayer aus Stuttgart zuruck; Edwin Mieg erwarb die Lizenz und machte sich 1924 damit selbstandig — deshalb wurde 2024 als Jubilaumsjahr gefeiert. Die Firmenchronik halt fest, dass Mieg schon 1924 die Blechfigur verbesserte und in Blei giessen liess; spater wurden die Kicker aus Zink gegossen.
Die schonste Anekdote stammt von der Leipziger Spielwarenmesse 1926: Mieg hatte kein Geld fur einen Stand, blieb also vor dem Messegelande stehen und liess die Besucher einfach spielen. Er verkaufte mehrere hundert Spiele. 1938 baute er seine eigene Fabrik in Schwenningen.
Der grosse Schub kam 1954, nach dem Wunder von Bern: bis dahin waren rund 180.000 Spiele verkauft, und Peter Mieg entwickelte zusammen mit Betriebsleiter Franz Rusch den fallenden Torwart "Toni" aus Kunststoff — benannt nach Toni Turek. 1967 sicherte sich die Firma die Bildrechte an Gerd Muller fur 1.000 Mark. Heute fuhrt die dritte Generation der Familie Mieg das Unternehmen als Edwin Mieg OHG in Villingen-Schwenningen.
Der DTKV wurde 1972 gegrundet — damals als Deutscher Tischfussball-Verband, den heutigen Namen tragt er seit 1995 — und tragt bis heute Mannschafts-, Einzel- und Pokalmeisterschaften aus. Ein deutsches Spiel, das ein Jahrhundert uberlebt hat, weil es nie versucht hat, etwas anderes zu sein als es ist: zwei Menschen, ein Tisch, ein Ball, der selbst entscheidet, wer dran ist.
Genau dieses Gefuhl — der Moment, in dem der Ball liegt und alles an einer einzigen Bewegung hangt — haben wir in Toy Soccer Cup auf den Bildschirm geholt. Kein Ersatz fur den Filz auf dem Kuchentisch. Eher die Version, die man dabeihat, wenn kein Tisch da ist.
Jede Regel, jedes Mass und jede Jahreszahl oben wurde an diesen Quellen gepruft — das Regelwerk zuerst, im Wortlaut:
Zwei Korrekturen, die diese Seite bis August 2026 falsch hatte: der Ball ist ein Kuboktaeder und kein Zwolfflachner, und die 180.000 Spiele waren die Gesamtzahl bis 1954, nicht der Absatz eines einzigen Jahres. Wer einen weiteren Fehler findet: schreib mir.